Palliative Begleitung und chronische Erkrankungen
Als ganzheitlicher Kunsttherapeut wurde ich darin ausgebildet, eine Vielzahl psycho-emotionaler Belastungen mit Kunsttherapie zu begleiten. Dennoch habe ich in den letzten Jahren den Großteil meiner Arbeit auf die Begleitung von Patient:innen und deren Angehörigen im Rahmen palliativer Begleitung sowie auf die Begleitung von Patient:innen mit chronischen Erkrankungen mit Kunsttherapie fokussiert.
Bevor wir „produktive“ Mitglieder einer Gesellschaft werden, in der wir unsere Identität über unsere Leistungen definieren, bin ich der Überzeugung, dass unsere freie, perfekte Essenz – das, was uns menschlich macht – das ist, was wirklich zählt. Schon vor Beginn meines Kunsttherapie-Studiums waren für mich bei Projekten, an denen ich teilnehmen durfte oder die ich durchführen konnte, der menschliche Aspekt, der soziale Einfluss und die Verwirklichung des authentischen Selbst von größter Bedeutung.
Wenn das Leben uns mit Veränderung konfrontiert oder uns Krankheit, Schmerz, Verlust und Tod direkt begegnen lässt, lädt es uns ein, das Wesentliche unserer Existenz zu erkennen. In diesen Momenten beginnt unser Körper und unsere Seele einen Transformationsprozess, der oft einem emotionalen Tsunami gleicht.
Sich auf die Begegnung und Erfahrung mit dem Tod vorzubereiten, ist ein intensiver und transzendenter Akt. Wenn das Leben uns die Möglichkeit bietet, uns auf den Tod vorzubereiten, offene Kreise zu schließen und Wunden in unserem Leben – mit uns selbst und unseren Mitmenschen – zu heilen, wird die Erfahrung des Sterbens zu einem Akt der Befreiung, der Dankbarkeit, Ehre und begleitet von legitimer, reiner Liebe geschieht.
Die Kunsttherapie bietet Patient:innen und Angehörigen einen Raum für psycho-emotionale Verarbeitung, Akzeptanz und Begleitung, um den intensiven palliativen Prozess in all seinen Phasen und Stufen bis zum Tod zu bewältigen.
Abhängig vom vom Arzt entwickelten Plan ermöglicht die Kunsttherapie dem Patienten oder der Patientin, das Unwohlsein und den Schmerz, der durch die Krankheit oder Nebenwirkungen von Medikamenten entsteht, zu verlagern und so emotionale Entlastung zu erfahren, die zu allgemeinem Wohlbefinden beiträgt.
Darüber hinaus beobachte ich, dass Patient:innen, die mit Kunsttherapie begleitet werden, eine heilsame Einstellung gegenüber der letzten Lebensphase entwickeln. Dies fördert respektvolle, menschliche Interaktionen mit ihrem Umfeld – Familie, Ärzt:innen und Pflegepersonal – in Begegnungen voller Respekt, Nachsicht und vor allem Menschlichkeit.
Die Kunsttherapie lädt die Menschen dazu ein, sich wieder mit dem Wesentlichen des SEINS zu verbinden und existenzielle Paradigmen frei von Konflikten zu begegnen. In einem klinischen Kontext hilft diese Besonderheit der Kunsttherapie, dass Patient:innen nicht nur als „Fall“ oder „medizinische Patient:innen“ wahrgenommen werden, sondern als Mensch in ihrer ganzen Größe – und so den Lebenszyklus in Fülle abschließen können. Meiner Meinung nach gehört diese Eigenschaft im Allgemeinen zur palliativen Medizin, die sie zu einem faszinierenden und außergewöhnlichen Feld macht.