Innerhalb des Vokabulars, welches in der Kunsttherapie verwendet wird, gibt es Worte, die eine beinahe magische, transformierende und heilende Kraft in sich tragen. Und auf die Gefahr hin, übertrieben ätherisch oder sehr spirituell zu klingen, würde ich sogar sagen: Worte voller Mystik. Eines davon ist das Wort „bezeugen“.

So, wie ich es empfinde und verstehe, zeigt sich dieses Wort, um es genauer zu sagen: dieses abgeleitete und zugleich deklarative Verb, beinahe unmittelbar, sobald man mit der ganzheitlichen Kunsttherapie und damit auch mit Kunst in Berührung kommt.

Es gibt unzählige Gründe, warum ich diese Arbeit liebe und zutiefst dankbar bin, Menschen durch Kunsttherapie begleiten zu dürfen. Innerhalb dieses weiten und vielfältigen emotionalen Universums, das sich während einer kunsttherapeutischen Sitzung entfaltet, gibt es einen ganz bestimmten Moment das meine Seele mit einer Mischung aus warmen, intensiven, tiefen, freien und zugleich leichten Empfindungen erfüllt…  Jenen Moment, in dem in einer kunsttherapeutischen Sitzung, mit aller Demut, Respekt und einer tiefen, aufrichtigen Dankbarkeit, die Begegnung der angeborenen Künstler:in bezeugt wird; jene Begegnung zwischen dem Menschen, oder den Menschen, die begleitet werden, und der Kunst.

Schon lange trage ich den Gedanken in mir, diesen Text zu schreiben. Wenn ich nachrechne, alte Fotos anschaue und versendete E-Mails durchgehe, wird mir bewusst, dass dieser Prozess eigentlich schon im Herbst 2023 begonnen hat.

Von der Erfahrung, die diese Zeilen inspirieren, bis zu diesem Moment, in dem ich mich endlich hinsetze, um sie niederzuschreiben, lagen gültige Ausreden des Alltags, viele innere Widerstände und ein ständiges Pendeln zwischen Selbstkritik und Selbstmitgefühl.

Vielleicht wird mir gerade deshalb heute etwas bewusst, das zugleich einfach und wesentlich erscheint: Manche Prozesse brauchen schlicht ihre Zeit.

Mit einem kleinen Kloß im Hals und einem Hauch von Melancholie, zugleich aber eingehüllt in ein tiefes Gefühl ehrlicher Dankbarkeit und kleine Funken von etwas, das ich vielleicht Stolz nennen würde, wie die kleinen Schokostückchen in Chocolate-Chip-Keksen, schreibe ich diese Worte. Ein Gefühl, das auftaucht, wenn einem bewusst wird, wie privilegiert es ist, ein Teil von etwas Besonderem zu sein.

Ich gehöre zur letzten Generation ganzheitlicher Kunsttherapeut:innen, die von Harald Fritz Ippsmiller ausgebildet wurde, dem Begründer der Methodik und der Theorie der ganzheitlichen Kunsttherapie und einer wesentlichen Grundlage meiner eigenen Arbeit als Kunsttherapeut.

Über Harald zu sprechen oder zu schreiben ruft genau dieses Gefühl in mir hervor. Nicht nur wegen der Dankbarkeit, des Respekts und der Bewunderung für seinen Beitrag zur Kunsttherapie. Und auch nicht ausschließlich, weil ich ihn als den großen Lehrer und ehemaligen Leiter jener Institution in Erinnerung habe, die mich ausgebildet hat.

Für mich, und ich weiß nicht, ob es Kolleg:innen gibt, die das ähnlich empfinden, war Harald ein Mentor, ein Wegbegleiter, ein Freund, und wie ich beinahe sagen möchte, auch ein Komplize gemeinsamer Abenteuer. Und in gewisser Weise ist er das immer noch.

Im Sommer 2023 begannen die Vorbereitungen für ein gemeinsames Abenteuer, eine Veranstaltung namens Bildungstage. Organisiert wurde sie von einem Projekt der Stadt Wien, dessen Ziel es ist, stabile Kooperationen zwischen Schulen, Kindergärten und anderen Einrichtungen im Grätzl zu schaffen, um Kinder, Jugendliche und Familien besser begleiten zu können: dem Bildungsgrätzl.

Als Beitrag des AKT (Akademie für Kunsttherapie) entwickelten Harald und ich gemeinsam ein Veranstaltungskonzept, das sich über vier Tage erstrecken sollte.

Im Rahmen dieses kleinen Symposiums bestand die Möglichkeit, Talks mit Gästen wie dem Soziologen Professor Klaus Zapotoczky, dem Facharzt für integrative Medizin Michael Frass sowie Richard Pregler, dem Koordinator des Bildungsgrätzl, zu besuchen.

Außerdem planten wir, und tatsächlich fand er statt, einen von Ivanka Hermann geleiteten Tanz-Flashmob.

Zum Abschluss des Symposiums, dessen Motto lautete: „Kommunikation, Kunst & Kultur in die Bildung implementiert“, war eine kunsttherapeutische Intervention geplant, angeleitet von Harald.

Und hier meldet sich dieser kleine Kloß im Hals erneut, diesmal allerdings begleitet von einem Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, und mir ein wenig offenen Klatsch erlaube, erinnere ich mich daran, wie nervös ich damals war. Ich war mir nämlich keineswegs sicher, ob diese lange geplante und erwartete kunsttherapeutische Intervention tatsächlich stattfinden würde.

Schon einmal, während meiner Ausbildung war vorgesehen gewesen, dass Harald mit meiner Studiengruppe eine kunsttherapeutische Intervention durchführen würde. Doch dazu kam es wegen spontaner Planänderungen, seinerseits Harald nie.

Die Enttäuschung und Frustration, die dieser Umstand damals in der Gruppe auslöste, hinterließen eine spürbare emotionale Dissonanz. Vielleicht begleitete mich genau deshalb während dieses letzten Tages der Bildungstage, eine gewisse Unruhe.

Die Unsicherheit darüber, ob Harald sich erneut spontan umentscheiden und die Intervention letztlich doch nicht durchführen würde, ließ mich, wenn auch eher still im Hintergrund, nicht ganz los.

Für all jene, die nie die Gelegenheit hatten, Harald kennenzulernen, und in dem Versuch, ein Bild zu zeichnen, das unweigerlich durch meine eigene Perspektive geprägt ist, würde ich sagen: Harald gehört zu jenen Menschen, die viele Archetypen und Stereotype des Künstlers und Kunsttherapeuten beinahe zu verkörpern scheinen.

Er ist dieser schmale Künstler, der durch und für seine Kunst lebt. Er kann gleichermaßen etwas von einer weisen, beinahe magischen Figur haben, etwas Gandalfhaftes oder, für manche vielleicht eher, Merlineskes, und zugleich etwas vom sturen Narren, vom Trickster.

Vielleicht ist auch erwähnenswert, dass Harald selten jemanden unberührt lässt. In meiner Erfahrung kann die Begegnung mit ihm, Menschen mit unerwarteten Anteilen ihrer selbst in Kontakt bringen und zugleich einen ausreichend sicheren Rahmen schaffen, um etwas in Bewegung zu setzen, das tief berühren, oder sogar heilsam wirken kann.

Und plötzlich saßen wir an jenem Abschlussabend der Bildungstage gemeinsam im großen Raum der Akademie: Kolleg:innen, Studierende, Absolvent:innen und einige neugierige Besucher:innen, die sich für Kunsttherapie interessierten. Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir ungefähr zwanzig Personen.

Harald begann mit einer Befindlichkeitsrunde und brachte Kommentare sowie Gedanken zu den Erfahrungen der Teilnehmenden ein. Manche seiner Beiträge waren lang und hatten das Potenzial, oder vielleicht auch das Risiko , sich in kleine Vorlesungen zu verwandeln, die seinen Theorieeinheiten erstaunlich ähnlich waren.

Wenn ich mich nicht täusche, teilten beinahe alle Anwesenden neben ihren Gefühlen noch etwas anderes: eine spürbare Erwartung und Neugier auf eine kunsttherapeutische Intervention, angeleitet von Harald.

Ich selbst nutzte die Runde, um zu erklären, dass meine Rolle während der Intervention darin bestehen würde, Harald zu assistieren und den Prozess zu dokumentieren, Zeuge dessen zu werden, was sich zeigen würde.

Harald lud uns nach der Runde dazu ein, den Raum vorzubereiten: die Tische zurechtzurücken, Papier zu holen und die Ölkreiden bereitzulegen, die uns während der Intervention begleiten würden. Danach bat er jede und jeden, sich einen Platz an den Tischen zu suchen einen Ort, an dem der eigene Prozess in einem Gefühl von Sicherheit stattfinden konnte.

Aus meiner Position als Zeuge begann ich, eine Veränderung im Raum zu bezeugen.

Ähnliches wie jener Moment, wenn Musiker:innen vor einer Aufführung beginnen, ihre Instrumente zu stimmen. Die Präsenz der Kunst begann langsam, sich bemerkbar zu machen.

Und dann …

Was danach geschah, bewegt sich, genau jetzt, während ich diese Worte schreibe, erneut durch meine Seele.

Was ich damals bezeugen durfte, erinnert mich an den Wind, der Wasser in Bewegung setzt und Wellen entstehen lässt, die sich über Strände, Klippen und Küsten hinweg ausbreiten.

Ein authentischer und intimer Tanz, und zugleich etwas, das von allen Teilnehmenden geteilt wurde. Ein Raum, in dem Emotionen langsam Form annahmen, sich in Farben verwandelten und sichtbar wurden.

Während diese Manifestation von Kunst in den Teilnehmenden immer präsenter wurde, durfte ich aus meiner privilegierten Perspektive zugleich auch den Kunsttherapeuten in seiner Arbeit und in seinem Wesen bezeugen.

So gut es mir möglich war, versuchte ich, mich für einen Moment von meiner Beziehung zu Harald und den Gefühlen der Bewunderung zu lösen, die ich zuvor beschrieben habe.

Und dennoch wurde ich Zeuge von etwas, das mich tief berührte:

Von der Präsenz, der Haltgebung. Vom Raum, der geschaffen wurde.
Und von jener Form von Liebe, die ein Kunsttherapeut oder eine Kunsttherapeutin während einer Intervention schenken kann.

Ich spreche hier nicht von etwas Spektakulärem oder Großem. Vielmehr von etwas zutiefst Menschlichem: Von der Fähigkeit, jemanden zu begleiten, ohne sich in den Prozess einzumischen. Zu halten, ohne zu lenken. Präsenz anzubieten, ohne sich den Weg der anderen Person anzueignen.

Vielleicht war genau das der Moment, in dem sich auch in mir etwas leise zu bewegen begann. Denn während ich die Beziehung zwischen Kunst, Mensch und Begleitung beobachtete, schien sich auch in mir selbst etwas neu zu ordnen. Als würde ich nicht nur einer kunsttherapeutischen Intervention beiwohnen, sondern zugleich einer stillen Bestätigung dessen, warum ich diesen Weg gewählt habe.

Als Harald die Intervention beendete und wir in die gemeinsame Reflexionsrunde übergingen, schien sich etwas wie kollektive Freude im Raum ausgebreitet zu haben.

Und doch war da noch etwas anderes. Etwas schwerer Benennbares. Ein Gefühl von Begegnung. Die Verbindung zwischen dem entstandenen Werk und jener Person, die es geschaffen hatte, wirkte ehrlich, stimmig und lebendig. Ich fühlte mich überwältigt und zutiefst dankbar.

Dankbar dafür, Zeuge eines Prozesses geworden zu sein, der sich scheinbar gleichzeitig auf unterschiedlichen Ebenen entfaltet hatte, transformierend, bewegend und auf eine schwer erklärbare Weise zutiefst menschlich.

Wenn Menschen mich fragen, was Kunsttherapie eigentlich ist und wie sie funktioniert, gibt es verschiedene Antworten, die ich in mir trage und die fast intuitiv ihren Weg nach außen finden. Manche verändern sich je nach Moment, je nach Person oder je nach Sprache, die gerade möglich ist. Andere begleiten mich schon seit Jahren.

Doch während ich diesen Text zu Ende schreibe, wird mir noch eine andere mögliche Antwort bewusst, oder vielleicht eher eine weitere Art, etwas zu benennen, das ich im Laufe vieler Begleitungen immer wieder bezeugen durfte:

Ganzheitliche Kunsttherapie ist eine Einladung, die beinahe magische, transformierende und heilende Kraft der angeborenen Künstler:in zu bezeugen.

Und vielleicht, für all jene, denen dieser Gedanke noch fremd ist, würde ich sagen, dass diese angeborene Künstlerin, dieser angeborene Künstler jener zutiefst kreative Anteil ist, der in jedem Menschen lebt und oft nur darauf wartet, einen ausreichend sicheren Raum zu finden, um sich zeigen zu dürfen.

Es sind mittlerweile mehrere Monate vergangen, seit ich zuletzt mit Harald gesprochen oder Kontakt gehabt habe. Und wieder taucht dieser kleine Kloß im Hals auf, vermischt mit tiefer Dankbarkeit.

Ich denke an gemeinsame Begegnungen, an Gespräche, spontane Einfälle, gemeinsame Abenteuer und auch an jene kleinen Spannungen, die wohl jede bedeutsame Beziehung auf ihre Weise begleiten.

Und mit der Unsicherheit, nicht mit Gewissheit sagen zu können, ob ich damals vielleicht Haralds letzte kunsttherapeutische Intervention bezeugen durfte, komme ich langsam zu einem Gedanken, der vielleicht schlicht daraus entsteht, anzuerkennen, dass Zukunft immer auch ungewiss bleibt.

Vielleicht liegt eine der Besonderheiten von Erinnerungen genau darin: Dass wir sie erneut betreten können. Dass wir sie, zumindest vorerst, noch einmal durchleben und etwas von ihnen in uns aufnehmen können, sodass sie auf ihre Weise gegenwärtig bleiben.

Es ist seltsam, wie manche Momente, ohne dass wir es in diesem Augenblick bemerken, langsam beginnen, Erinnerung zu werden, während sie noch geschehen.

Vielleicht schreibe ich genau deshalb heute diese Worte.

Als eine Form von Dankbarkeit.
Als eine Form des Bezeugens.
Und vielleicht auch als eine Form, nicht zu vergessen.

Wir bleiben in Kontakt,

Marcos